Nanotechnologie - Einsatz, Trends und Risiken
BfR holt bei Experten aktuelle Informationen zu Nanopartikeln in
verbraucherrelevanten Einsatzbereichen ein
09/2006, 06.04.2006
Der Einsatz von Nanopartikeln ist gar nicht so neu wie es durch einige
spektakuläre Produkte auf dem Markt den Anschein haben mag. Bei den
verbrauchernahen Produkten hat die Nanotechnologie, wenn auch nicht explizit so
bezeichnet, schon vor Jahrzehnten etwa in Lacken oder Medikamenten Einzug
gehalten. Auch in kosmetischen Produkten werden längst Nanopartikel aus
Titandioxid oder Zinkoxid als UV-Filter eingesetzt. Trotz der weiten Verbreitung
dieser Technologie gibt es zu ihrer Risikobewertung noch zahlreiche offene
Fragen. Ein Expertengespräch im Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat
sich am 28. März 2006 mit den aktuellen Fragen zu Produkten mit Nanopartikeln
und den Risiken für die Verbraucher beschäftigt.
Beim Einsatz der Nanotechnologie in der Produktherstellung werden den Produkten
Stoffe mit einer Partikelgröße zwischen 0,2 und 100 Nanometern (10-9 Meter)
zugesetzt. Nanotechnologie wird von vielen schon als Schlüsseltechnologie des
21. Jahrhunderts gehandelt. Doch stellt sich immer mehr auch die Frage, ob der
versprochene Nutzen neuer Produkte mit Nanotechnologie nicht auch mit
unbekannten Risiken verknüpft sein könnte. Beim Expertengespräch von
Wissenschaftlern aus Forschung, Praxis und Industrie im BfR standen die drei
Anwendungsschwerpunkte kosmetische Produkte, Lebensmittel und Bedarfsgegenstände
zur Debatte. Dabei wurden Fragen zu Stoffeigenschaften, Produktionsschritten,
den Trends in verbraucherrelevanten Bereichen und vor allem zu den Risiken der
Endprodukte diskutiert.
Der Einsatz von Nanopartikeln in Kosmetika ist vergleichsweise übersichtlich. In
Haarpflegemitteln, Hautcremes und Sonnenschutzcremes werden Stoffe in diesem
Größenbereich gezielt zugesetzt. Am weitesten verbreitet sind Nanopigmente aus
Titandioxid oder Zinkoxid als UV-Filter in Sonnenschutzcremes. Die Pigmente
wirken wie winzige mineralische Spiegel, die die UV-Strahlung reflektieren oder
absorbieren und so die Haut schützen.
Das Verhalten auf der Haut aufgetragener Nanopartikel ist am Beispiel von
Titandioxid und Zinkoxid gut untersucht. Alle auf dem Expertentreffen
vorgestellten Ergebnisse zeigen, dass die Nanopartikel nicht in die gesunden
Hautzellen eindringen. Hauptsächlich verteilen sie sich auf der Hautoberfläche.
In tiefere Hautschichten gelangen sie über die Haarfollikel (Wurzelscheide), wo
sie auch einige Zeit verbleiben. Das Haarwachstum befördert die Nanopartikel
dann später wieder auf die Hautoberfläche. Ein tieferes Eindringen von
Nanopigmenten wurde bei Mikroverletzungen der Haut beobachtet. Bei der Frage zum
Risiko kamen die Experten zu dem Schluss, dass es für die Aufnahme über die Haut
derzeit keine Hinweise auf eine spezielle 'Nanotoxikologie' gibt.
Unübersichtlich hingegen ist der Einsatz von Nanotechnologie im
Lebensmittelbereich. Die zentrale Frage lautet: Was könnte über den zusätzlichen
Einsatz von Nanoverbindungen bei Lebensmitteln an verbesserten Eigenschaften
erreicht werden? Als einen zukunftsträchtigen Anwendungsbereich für
Nanotechnologie sehen die Experten die Entwicklung von Novel Foods, in denen
neue oder modifizierte Molekülstrukturen genutzt werden. In den USA wurden von
der Food and Drug Administration bereits einige Produkte mit Nanopartikeln
zugelassen. Von dort sind nach Kenntnis der Experten bisher keine
gesundheitlichen Risiken berichtet worden.
Bei einigen Bedarfsgegenständen nutzt man Partikel in Nanogröße aufgrund ihrer
physikalischen und chemischen Eigenschaften. Bei Verpackungen macht man sich die
Barriere-Eigenschaften gegenüber Sauerstoff, Kohlendioxid und Wasser zunutze
oder setzt sie als Lichtschutz und zur Verbesserung von mechanischen und
thermischen Eigenschaften ein. So werden bestimmte Nanoverbindungen zum Beispiel
im Kunststoff Polyamid eingesetzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Partikel
auf darin verpackte Lebensmittel übergehen, wird als sehr gering eingeschätzt,
da sich diese Schichten an der Außenseite befinden. Andere Verpackungen wiederum
werden mit Nanoschichten aus Aluminium oder Siliziumoxid bedampft. Ob aus
solchen anorganischen Schichten Partikel freigesetzt werden, ist noch nicht
geklärt.
Nanotechnologie wird seit vielen Jahrzehnten bereits in Lacken eingesetzt. Die
kleinen Partikel sind dort mechanisch aktiv gebunden. Weitere Anwendungsgebiete
sind antimikrobielle Beschichtungen bei Küchengeräten sowie mit Nanopartikeln
modifizierte Textilien. Bei Textilien können Nanopartikel sowohl für die
Entwicklung schmutzabweisender Oberflächen eingesetzt werden als auch als
wirksame Wasserbarriere dienen. Antimikrobiell wirkende Silber-Nanopartikel
werden in Schuhsohlen und einigen Bekleidungstextilien verwendet.
Bei der Untersuchung und dem Nachweis von Nanopartikeln wird derzeit der
parallele Einsatz mehrerer Analysemethoden empfohlen.
Aus Sicht der Risikobewertung sind viele Fragen offen. Besonders die geeigneten
Teststrategien zur Ermittlung gesundheitlicher Risiken stellen eine
Herausforderung dar.
Link zur Pressemitteilung: http://www.pressrelations.de/new/standard/dereferrer.cfm?r=228296